Hotelfachschule Garmisch-Partenkirchen

Blog der Hotelfachschule Garmisch-Partenkirchen

Nachlese 2: Salone del Gusto und Terra Madre Turin 2014

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Tag 2: Buchführung für Anfänger

Heute betrachten wir die Terra Madre einmal aus Sicht des von Betriebswirten scheinbar so vergötterten Fachs „Buchführung und Abschluss“. Eigentlich ist es aber auch eine interkulturelle Betrachtung (s. Blogbeitrag Teil 1). Nämlich des betriebswirtschaftlichen Clash of Cultures.

Lernfeld Nummer 1 war heute um 10.47 Uhr die Busfahrt vom Hotel zum Messegelände der Terra Madre. Unvergleichlich hier die präzisen Zeitangaben in Italien. Laut Fahrplan fährt der Bus um 10.47 Uhr (deutsche Zeitangabe). In Italien bedeutet dies allerdings: Er fährt so um 10.47 Uhr rum, könnte also auch erst um 10.55 Uhr kommen. Oder um 11.00 Uhr. Bei uns war es 10.54 Uhr. Italien verfährt folglich nur quasi präzise.

Kommen wir zur Rentabilitätsbetrachtung. Für uns war die Fahrt buchhalterisch hochrentabel, da wir für lau fahren durften. Wir kannten das System der Ticketshops noch nicht und dem Busfahrer war diese Unwissenheit egal. Hauptsache, wir hatten unsere wichtigen Delegationsausweise umhängen. Hier hat der Italiener wohl noch ein gewisses Obrigkeitsdenken und die Gewissheit, dass ein offizielles Dokument das gleiche Vertrauen erweckt wie ein bezahltes Busticket. Wir wollten an dieser Stelle dieses Vertrauen nicht zerstören, folglich schwiegen wir und genossen den umwerfenden Sonnenaufgang und den anschwellenden Berufsverkehr. Für die lokale Busgesellschaft war das Verhalten natürlich ein finanzielles Verlustgeschäft in Höhe eines nicht recherchierten Eurobetrags. Wir vermuten aber, dass allein die Gewissheit, einer Handvoll deutscher Slow-Food-Delegierten „geholfen“ zu haben, dem Busfahrer in seinem Glauben an das Gute im Menschen bestätigt hat. Also eine eher seelenheilmäßige Pattsituation.

Auf dem Salone del Gusto dann das Thema Preiskalkulation und Wareneinsatz (ohne Vollkostenbetrachtung). Nachdem wir uns gratis (!) eine Podiumsdiskussion mit Alice Waters, Jamie Oliver und Carlo Petrini über gesunde Schulverpflegung angehört hatten, fielen wir leicht angetrocknet in der Enoteca ein. Die Startgebühr betrug EUR 2 für ein hochwertiges Weinglas sowie EUR 15 für Bons. Gegen den schnellen Weindurst wurde ein Glas Dogliani San Luigi geordert. Preis: EUR 3. Dafür gab es einen einfachen, aber ausdrucksstarken Roten aus dem Piemont. Schien auf den ersten Blick und Schluck korrekt kalkuliert. Aber dann: Das Glas ohne Eichstrich, der Thekennachbar bekam eine größere Menge eines teureren Getränks in ein vergleichbares Glas eingeschenkt. Eine buchhalterisch nicht zu erfassende Ungerechtigkeit! Die Konsequenz davon war, dass ab jetzt nur noch die Dame den Wein ordert, wegen weiblichem Charme und italienischen Kellnern. Nächster Wein: Nr. 528, ein Barolo Vigna Gattera ‘00, das Glas zu EUR 5. Die qualitative Betrachtung erbrachte einen Gesellen mit noch deutlicher Frucht, sehr harmonisch eingebundenen Tanninen und vor allem einer schönen Reife. Und die Erkenntnis, dass wir hier wohl einen Geheimtipp abgegriffen haben. Der quantitative Vergleich zeigte, dass die Dame ein Fingerbreit mehr Wein im Glas als zuvor erreicht hatte. Zusammenfassend hatten wir also für EUR 2 Mehrinvestition einen deutlich besseren Wein in einem größeren Quantum auf der Habenseite.

Letztes betriebswirtschaftliches Lernfeld des Tages: Aufwand-Ertrags-Vergleich. Es stand das Netzwerktreffen der deutschen Delegation an. Binnen 87 Minuten hatten wir einen Applaus nach einem kurzen Diskussionsbeitrag, eine angeregte Diskussion über Terra Madre in Deutschland, die Betonung der Bedeutung des Gastgewerbes und 3 Visitenkarten zu verbuchen. Anschließend wurde eingeladen zu einem kleinen Umtrunk am Stand der deutschen Slow-Food-Organisation. Es gab diverse Archepassagiere zu verkosten wie z.B. Berliner Weisse, Ahle Wurst und Hohenloher Schinken. Dazu wirklich gute Gespräche und Kontakte und neue Impulse für Aktionen an der Hotelfachschule. Modern gesprochen bedeutet dies: „Das funzt!“ Eine fachspezifischere Aussage könnte in Richtung „geringer Aufwand, hoher Ertrag“ gehen.

Fazit des Tages: Soll waren einige Euros, plattgelaufene Füße und eine lange Wartezeit auf Jamie. Haben: Visitenkarten, Gespräche und Kontakte. Das Gefühl, wieder etwas bewegt zu haben oder bewegen zu können: unbezahlbar. Sollten Sie den genauen Zusammenhang zwischen Soll und Haben nicht verstanden haben, dann Fragen Sie CSB. Sie werden keinen Besseren finden, um dieses Thema zu verdeutlichen.

Hausaufgabe bis Teil 3: Recherchieren Sie die Begriffe Ahle Wurst, Dogliani, Archepassagier. Google hilft hier gerne.

In Teil 3 werden wir uns mit einem Blogbeitrag dem Thema „Branchensoftware“ widmen.

Bildimpressionen vom Tag 2

[Text und Fotos: Klaus Perovec]

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